Orte sind das, was Menschen daraus machen. Stellen Sie sich ein wunderschönes, reich verziertes Märchenschloss vor. Es kann das Heim einer Prinzessin sein, ebenso wie das Heim eines Despoten.
Stellen Sie sich jetzt eine winzig kleine Studentenbude vor. Schäbige Möbel, eng und muffig – das Heim von Sophie Scholl, der Treffpunkt der Weißen Rose. Wie viel politische Schönheit kann in einer winzigen Küche entstehen, wie viel politischer Abgrund in einem goldenen Schloss?
Als ich darüber nachdachte, was dieser Raum für uns bedeutet, wer ihn mit Leben erfüllen wird, was er für wen sein wird, dachte ich über die Menschen nach, die sich mit uns auf die Reise gemacht haben: Zirkusartisten, Sänger, Tänzer, Musiker, Schreiner, Gastronomen und Buchhalter, Techniker und Menschen, die den Raum pflegen und reinigen, Menschen, die telefonieren, und Menschen, die Tickets verkaufen.
Menschen aus aller Herren Länder, Menschen, die in Köln geboren sind und nie von hier weggegangen sind, Menschen, die vor Krieg geflohen sind, Menschen, die vor Dürre, Perspektivlosigkeit, Naturkatastrophen und Bürgerkrieg flohen. Männer, Frauen, Transpersonen, Christen, Muslime, Buddhisten und Konfessionslose, Atheisten. Ein Jude. Was immer noch etwas darüber erzählt, dass mit dem Holocaust nicht nur Millionen Menschen, sondern auch nachfolgende Generationen ausgelöscht wurden.
Hier arbeiten Menschen mit weißer und schwarzer Haut, hetero- und homosexuelle, ganz junge und sehr reife Menschen.
Sie alle bringen ihre Wünsche, Hoffnungen, ihren Frust, ihre Verwirrung, ihren Humor, ihre Energie, ihre Lebensfreude in dieses Haus und lassen diesen Ort zu dem werden, wofür wir drei Frauen stehen: Ein Ort der offenen Gesellschaft. Ein Ort, in dem Artikel 1 des Grundgesetzes mit jeder Faser gelebt wird: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Das ist nicht leicht. Es ist nicht Bullerbü, es ist nicht ohne Konflikte und ja, manche der Konflikte lassen sich auch nicht lösen. Denn in diesem Raum kann nur derjenige arbeiten, der den Artikel 1 ebenso respektiert, wie wir drei Frauen es tun. Aber es ist das, wofür es sich zu kämpfen lohnt: eine offene, demokratische Gesellschaft.
Heute, an dem Tag unserer Taufe, eine Woche nachdem eine gesichert rechtsradikale Partei fast die absolute Mehrheit in einer Wahl erhielt, höre ich die Stimme der großen Margot Friedländer in meinem Kopf: Seid Menschen, seid einfach nur Menschen …
Köln, dieser Spiegelpalast ist meine ganz persönliche Liebeserklärung an die Stadt, die mir, dem ehemaligen Flüchtlingskind, eine Heimat gegeben hat, in der ich meine Töchter in Frieden und Sicherheit groß werden lassen konnte.
Heute, am Tag der Taufe unserer neuen Heimat, dem Urania Spiegelpalast, möchte ich dir, mein geliebtes Köln, ein Versprechen geben:
Ich verspreche, das Urania wird immer ein Ort der offenen Gesellschaft sein.

